Studio 2 – Experte Christof Stein spricht über: Darling, ich bin im Kino

Montag, 13.12.2021, ab 17:30, Studio2//ORF

Thema diesmal: Kinoprogrammhefte

Endlich hat (fast) alles wieder nach dem dreiwöchigen harten Lockdown aufgesperrt. Die Gastro muss noch ein wenig warten, allerdings die Kinos durften ihre Tore schon wieder öffnen. Heutzutage findet man alles was man über einen Film wissen will online – um 1910 bis zum Höhepunkt in den 1980/90er Jahren (es gibt sie aber auch heute noch nur sind sie nicht mehr so populär wie damals) gab es jedoch das Programmheft, dass die Kinobesucher:innen über Besetzung und Inhalt des Filmes informierte. Zu Beginn der Sendung habe ich Norbert Oberhauser auf eine Zeitreise mitgenommen und ihm eine Kinokarte aus dem ehemaligen Flotten Kino geschenkt – eine absolute Rarität. Damals habe ich die gesamte Einrichtung gekauft und darunter fanden sich eben solche besonderen Gustostückerln. Mein erstes Kinoticket hat 17 Österreichische Schilling gekostet. Daran erinnere ich mich noch. Mit wem ich damals im Kino war,  bleibt aber mein Geheimnis. Norbert und ich konnten uns beide noch an die Haptik der alten Kinokarten erinnern, ein Gefühl, das die junge Generation in dem Sinne nicht mehr kennt.

Eine kurze Filmgeschichte: Los ging es 1906 mit “Die Geschichte der Kelly Bande”, dies war der erste Film, der in Melbourne lief, in USA 1907 der Monumentalfilm Ben Hur, ab 1910 kamen dann auch die ersten Programmhefte für die Stummfilme – ganze 17.000 Stück an der Zahl. Unfassbar aber wahr: 34.000 Filme in Österreich und dazu die dazugehörenden Programmhefte. 

Und nun zu der Geschichte der Programmhefte: 1919 ging es los mit dem Film-Kurier in Deutschland. In Österreich gab es “Das Programm von Heute”.  Automatisch gab es von nun an ein Programmheft zu jedem erschienenen Film. Ich hatte das “Programm von Heute” in der Sendung mit – ein Heft über den Film “13 Stühle”, einer meiner Lieblingsfilme mit Heinz Rühmann und Hans Moser.

Ein wahres Fundstück auch das Programmheft von “Sodom und Gomorrha” aus 1922 ,  ein Film von Michael Kertesz, der dann später als Michael Curtiz in Hollywood „Casablanca“ auf die Leinwand zauberte. 

Ab 1933 gab es in Deutschland durch die Nationalsozialisten keine US- amerikanischen Filme mehr zu sehen, somit kamen die Deutschen nach Österreich als Kulturtouristen, um hier die amerikanischen Filme im Kino anzusehen. Die Freude währte nicht allzu lange, da wir alle wissen was danach passierte. 1938 war auch in Österreich Schluss mit den amerikanischen Großproduktionen. 

Für die Sammler:innen ist das Programmheft aus 1924 “Glöckner von Notre Dame” – in gutem Zustand 200 bis 500 Euro wert – natürlich sehr interessant. Das meist aufgelegteste Programm “Die Maskerade” war hingegen völlig uninteressant, weil es eine zu große Auflage hatte. Kleine Auflage zur Zeit der russischen Besatzung hatten die Programmhefte der russischen “Blockbuste”, die sich natürlich keiner (außer der Besatzungsmacht) angeschaut hat – umso spannender für heutige Sammler:innen, da eine Rarität.

Das “Die schwarze Katze” Programmheft ist unter Sammmler:innen so besonders beliebt, weil der Film zensiert wurde und dann auch nicht mehr gezeigt wurde, weil er einfach viel zu grauslich war – heute würde dieser Schrecken natürlich “keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken”, um es nostalgisch zu formulieren. 

Das absolute Highlight in der Sendung war natürlich das “Psycho” Programmheft von Hitchcock, das nur mehr als Teaser fungierte und nur ein paar wenige Fotos aber keine Information über die Besetzung oder den Inhalt des Filmes offenbarte – auf der letzten Seite ein großes “PSST!” und ein Abbild des cineastischen Meisters. Eindrucksvolle Gestaltung, muss man schon sagen.

Abonnenten bekommen noch Programmhefte heutzutage, wie z.B. zum letzten James Bond “Keine Zeit zu Sterben” – allerdings ist das Programmheft in seiner alten Glanz und Glorie nicht mehr zu haben. Die Tatsache, dass eben alles online abrufbar ist, hat es zu einem gewissen Maße obsolet gemacht. Auch wenn ein Zelebrieren des historischen Zeitzeugnisses ein absoluter Genuss ist.

Letzter Tango in Paris (einst ein Skandalfilm, heute ein Kunstfilm), Winnetou, wunderbare Fotowand, Stan und Oli, Cleopatra, Emil und die Detektive Programmhefte hatte ich auf meiner tollen “Fotowand” hinter mir hängen und schön drapiert auf dem Tisch vor mir liegend – um nur einige der mitgebrachten Stücke zu nennen. Das österreichische Filmarchiv, zusammengestellt durch einen Sammler, hat ein gebundenes Buch, eine kompakte Geschichte dieser wunderbaren Programmhefte zusammengestellt – ein Leitfaden für Sammler:innen und eine Exkursion in ein spannendes Thema für Interessierte.

Ein kurzer Abriss dieser wunderbaren Kulturgeschichte….ein vorweihnachtlicher Kultur-Aperitivo sozusagen – seid gespannt was beim nächsten Mal im Countdown vor Weihnachten noch kommt… 

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Und zu guter Letzt, herzlichen Dank an Herbert Fellner für die Leihgabe.