Studio 2 – Experte Christof Stein spricht über: Der Sehnsuchtsort Friseur

Montag, 10.05.2021, ab 17:30, 

Studio2//ORF

Thema diesmal: Meist vermisste Profession im Lockdown: Der Friseur

Kaum eine andere während des Lockdowns geschlossene Profession wurde so oft erwähnt und die Öffnung herbeigesehnt wie der FRISEUR. Gerade noch von der Kultur geschlagen, von vielen als systemrelevant angesehen und als Grundbedürfnis des Menschen gewürdigt. Grund genug um diesem Phänomen Rechnung zu tragen und es auf dem Silbertablett zu präsentieren.

Geschichte

Tausende Jahre Geschichte liegen hinter dieser Zunft und wie schon oft waren die Ägypter Vorreiter. 6000 Jahre vor Christus Geburt datieren schon Messerfunde zur Genußrasur, Henna gab es schon ab 1400 vor Christus als Färbemittel und wir müssen ja einfach nur an Kleopatra denken und ihren hinreißenden Pagenschnitt.

Ich brachte auch „Sanitäre Bestimmungen für das Raseur- und Friseurgewerbe“ aus den 1930er Jahren mit – auch da war es ein Um und Auf, dass der Friseur keine übertragbaren Krankheiten hat um den Kunden nicht zu gefährden – in unserer heutigen Zeit ist es wohl eher eine gegenseitige “G’schicht”.

Stadt- Land

Aber nicht nur die Leute in der Stadt oder der Adel mussten ihre Haare schneiden, auch die Leute am Land mussten von einem Professionisten geschnitten werden – somit das Zunftzeichen der Friseure, die Tschinellen (Paarbecken) – wenn die Friseure ins Dorf gekommen sind, wurden die Tschinellen gespielt und die Leut’ haben sich schon beim Friseursessel angestellt. 

Ein Zeitdokument 

Ich sammle schon seit Jahrzehnten (unter vielem anderem) wunderbare Vintage Möbel mit Geschichte und Kleinrequisiten – 1990 hab ich den Friseur Hermann in der Spiegelgasse in 1010 Wien übernommen – das war noch ein richtiger Haarschneider für die Aristokratie – da hatte jeder Adelige seine eigene Lade, mit Namen versehen, gehabt. 

Möbel mit Geschichte 

Ich hatte Bundy & Bundys legendäre Möblierung aus den 1960er Jahren aus dem Salon in der Rotenturmstraße (begonnen haben Sie in der Praterstraße) im Studio mit.

Das Buch “Hair”, dass die beiden Brüder mit Fotografin Elfi Semotan herausgebracht haben zeugt von nostalgischer Schönheit. Dagmar Koller, Cordula Reyer, Andre Heller und viele andere Berühmtheiten wurden im Zuge des Buches von Elfi Semotan abgelichtet – es entstanden künstlerische Meisterwerke von grandiosen Frisurkreationen (hoffentlich auch in absehbarer Zeit als Ausstellung in Wien zu sehen, ich halte euch auf dem Laufenden).

Ich hatte auch “meinen” Friseursessel mit, der quasi für mich immer “warm” gehalten wird, ein Sessel namens Olympia, ein Ölpumpstuhl aus den späten 1940er Jahren von dem Friseursalon im 6. Bezirk, wo meine Haare seit vielen Jahren geschnitten werden (der wie eine Wodkamarke klingt….hier darf ich es ja verraten…Danke an Christian, von Absoluthaar) Wenn der Sitzpolster zu warm wurde, hat man ihn einfach umgedreht, damit der nächste Kunde darauf Platz nehmen konnte – einfach ein intelligentes Design, wie Birgit so schön sagte.

Die Sammler:innen kaufen sich solche Möbel mit Geschichte und geben ihnen einen neuen Verwendungszweck oder zeigen in außerhalb des ursprünglichen Kontexts, beispielsweise den Friseurstuhl in der Küche, den Friseurspiegel im Schlafzimmer.

Kuriosum

Der Friseur war einfach so ein Sehnsuchtsort in den verschiedenen Lockdowns – wer weiß, vielleicht denkt sich die junge Generation jetzt, dass der Friseurberuf erstrebenswerter, als das Priestertum ist, es war ja in Großfamilien – auch in Adelsfamilien – üblich, dass einer der Söhne Priester wurde – wenn man hier an dieser Stelle einen kleinen blasphemischen Kommentar mit einem Augenzwinkern erlaubt.

Aber zum Abschluss noch ein Kuriosum – der Friseur als körpernahe Dienstleister hatte zu aber der Hundefriseur durfte offen haben – Priorität muss sein 😉