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Studio 2 – Experte Christof Stein spricht über: Wiener Kaffeehauskultur

Montag, 31.10.2022, ab 17:30 Uhr, Studio2//ORF

Thema diesmal: Die Geschichte des Kaffees

Die Tage werden kürzer und es ist einladend, es sich gemütlich zu machen, am besten in einem Wiener Kaffeehaus. 

“Warum hast Du das Kaffeehaus so gern?” hat mich Birgit Fenderl gleich am Beginn meines Sendungsbeitrages gefragt. Als Ort der Begegnung und als verlängertes Wohnzimmer ist das Kaffeehaus optimal und vor allem in Zeiten wie diesen, um Strom zu sparen. Ergo man findet sich in einem Lieblingskaffeehaus ein, unterstützt die heimische Wirtschaft und den Kaffeehausbesitzer und trägt zusätzlich konstruktiv zur Energiekrise bei. 

Die Legende besagt, dass die Wiener während der Befreiung von der Zweiten Türkenbelagerung 1683 einige Säcke mit seltsamen Bohnen fanden, die sie zunächst für Kamelfutter hielten und verbrennen wollten. König Jan III Sobieski soll diese seinem Offizier und Dolmetscher namens Georg Franz Kolschitzky übergeben haben. Dieser hätte, wie gesagt laut der Legende, die Säcke an sich genommen und das erste Kaffeehaus gegründet. Diese Geschichte ist jedoch frei erfunden.  Der Piarist Gottfried Uhlich setzte sie 1783 in seiner Chronik „Geschichte der zweyten türkischen Belagerung Wiens, bey der hundertjährigen Gedächtnißfeyer“ in die Welt.

Tatsächlich passierte folgendes: Am 17. Jänner 1685 erteilte Kaiser Leopold I. einem Armenier namens Johannes Theodat als Dank für dessen Dienste die Hoffreiheit, das „türkische Getränk, als Caffe, The und Scherbet, zu praeparieren“. Theodat (Deodat/Diodato genannt), erhielt die Genehmigung für zwei Jahrzehnte und eröffnete sogleich sein Kaffeehaus am Hachenbergischen Haus auf dem Haarmarkt, in der heutigen Rotenturmstraße 14. Später hatten die Griechen das Monopol zum Ausschank von Kaffee inne.

Also, wie man sieht, Kaffee hat eine lange Tradition. Birgit fragte mich, wie die Menschen am Anfang Kaffee aufgenommen hatten. Es war gleich ein guter Erfolg, weil es ein exotisches Gut aus einer neuen Welt darstellte. 1850 im industriellen Zeitalter dann auch für die Bürger und arme Leute leistbar . Kaffee wurde für die breite Bevölkerung eine Art Nahrungsersatz, den ganzen Tag über köchelte eine Kaffeesuppe auf dem Herd, in die Brot eingeweicht wurde. Die Suppe wärmte, sättigte und hielt wach. Fabrikarbeiter tranken Kaffee, um ihre Konzentration und Ausdauer zu stärken. 

Die Hochblüte war um 1900 mit 600 Kaffeehäusern in Wien. Unglaublich viel Kultur ist dort entstanden – Literatur, Kompositionen, politische Diskussion und so vieles mehr.

Ein paar spannende Fakten:

1850: Kaffee ist endgültig Volksgetränk geworden.

1901 erfand der Japaner Dr. Sartori Kato den löslichen Kaffee – dieser wurde ab 1938 von der Firma Nestlé vermarktet und vertrieben.

1905 gelang es dem Bremer Ludwig Roselius dem Kaffee das Koffein zu entziehen – als erster entkoffeinierter Kaffee kam der Kaffee HAG auf den Markt.

1908 erfand die Dresdner Hausfrau Melitta Bentz den Kaffeefilter, der bis heute noch zum Einsatz kommt.

Interessant: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Kaffee zum Symbol des Aufschwungs – wer Kaffee trank, konnte sich wieder etwas leisten.

Aber nun zu den Möbel und Objekten mit Geschichte: mitgenommen hatte ich in die Sendung Sessel, Fuß- so wie auch Barhocker aus dem Kultcafé „Café L’Europe am Graben, das im Historismus entstanden war und 1944 abgebrannt ist. Ende der 1940er war es das erste Stehcafé, wo man den Espresso wie in Italien “al banco” konsumieren konnte. 

Die Hocker standen direkt an der Bar, die Auslagensesseln mit den Fußhockern, auf denen die Enkelkinder Platz fanden, präsentierte ich auch in der Sendung.

Mein Großvater war 25 Jahre lang Geschäftsführer im Café L’Europe – er im Frack, ich am Fußhocker und habe beobachtet, was da alles so vor sich ging. 

Bernhard Paul oder andere große Sammler wie er würden dafür vierstellige Beträge bezahlen. Es handelt sich nämlich um die Original Ledergarnitur.

Der Zotti Tisch aus dem Café Museum ist heute um die 700 Euro wert. Das nächste präsentierte Möbelstück war aus dem Café Prückl, von Oswald Haerdtl, allerdings ohne die Original Tischplatte, aber in Form und Funktion voll erhalten.

Alte Plätze werden momentan wiederbelebt, wie zum Beispiel das Café Cobenzl. Die Menükarte von 1900 kommt auch in meinem neuen Buch „Möbel und Objekt mit Geschichte“ (wunderbarer Text von Tafelkulturistin Anette Ahrens) vor.

Objekte mit Geschichte, die Lust auf ein Volume II meines Buches machen, waren unter anderem ein Sacher Teller für Tafelspitz, Rösti und natürlich Spinat. 

Zum Abschluss zeigte ich noch ein kleines Objekt mit großer romantischer Geschichte. Ein Zuckerportionierer aus dem Café Herrenhof, das es so heute nicht mehr gibt, für zwei Stück Zucker speziell portioniert, war ein Erinnerungsstück von zwei Herrschaften, die sich im Café  kennengelernt haben und 42 Jahre verheiratet waren. Das Objekt ist immer in der Familie geblieben – das war das „Zuckerstück“. 

Noch ein kurzer Exkurs generell zum Wiener Kaffeehaus: Die Einrichtung des typischen Wiener Kaffeehauses reichte beziehungsweise reicht von gemütlichem Plüsch bis hin zu kühlem Einrichtungsstil. Als klassische Einrichtung gelten Thonet-Sessel, der in Wien ehemals ansässigen “Thonet-Sessel-Manufaktur” und Kaffeehaustische mit Marmorplatten. Eines der am besten erhaltenen Kaffeehäuser ist das Café Sperl, das über eine unverfälschte, nicht modernisierte, aber stark restaurierte Einrichtung verfügt. Das Café Central im Palais Ferstel ist seit der Neueröffnung 1975 in einer monumentalen Halle im Stil der Neorenaissance untergebracht, das Café Prückel hingegen besitzt eine originalgetreu erhaltene Einrichtung aus den 1950er Jahren. Das Café Westend besticht durch authentisch abgenutzten Charme.

Birgit Fenderl hat mich abschließend gefragt, welches denn mein absolutes Lieblingskaffeehaus wäre. Dies zu beantworten ist schwierig und hängt mit der Laune des jeweiligen Tages zusammen. Top sind auf jeden Fall das Landtmann, das Café Museum aber auch das legendäre Café Sperl, wo ich lange Zeit immer wieder die Sesseln repariert habe und sie mir dann den Kaffee zu mir in mein (ehemaliges Geschäftslokal) lichterloh gleich gegenüber liegend (auf der Gumpendorfer Straße) gebracht haben. Wenn ich mich nach langem Verweilen fühle, ist mein Favorit wohl das Café Prückel.

Noch ein wichtiges Faktum am Ende meines Blogeintrags: Die Wiener Kaffeehauskultur zählt seit 2011 zum immateriellen Kulturerbe! 

Danke an den Leihgeber Paul Kozak.

Studio 2 – Experte Christof Stein spricht über: Möbel und Objekte mit Geschichte – Garderoben

Montag, 31.1.2022, ab 17:30 Uhr, Studio2//ORF

Thema diesmal: Garderoben

Wenn man wo hereinspaziert findet man meist eine Garderobe, sei es ein Lokal, eine Kulturinstitution oder der Vorraum einer Wohnung. Dies gewährt einen ersten Eindruck was man vorfinden wird. 

“Ist sich gerade noch ausgegangen!” – mit diesen Worten habe ich meinen Mantel auf dem Wiener Konzerthaus Garderobenständer aufgehängt und Birgit Fenderl begrüsst.

Die Garderobenständer wurden, als das Haus renoviert werden musste, nicht alle wieder verbaut und kamen somit auf den Vintage Design Markt (oder auch Altwarenmarkt). Entworfen wurde diese spezielle Garderobe von Helmer & Fellerer, dem genialen Opern- und Theaterarchitektenbüro.

Screenshot meiner Pünktlichkeit dank NORMALZEIT!

Ein weiteres Prachtstück, oder Möbel mit Geschichte, war der Garderobenständer aus der Wiener Stadthalle von dem legendären österreichischen Architekten Roland Rainer. Damals 2002 wurde mir auf einem Fest zugetragen, dass diese wunderbaren Zeitzeugen und Kulturstücke zwei Tage später verschrottet werden sollten – und dies zum Kilopreis des Eisenhändlers. Die Rainer Garderobenständer aus 1956 aus der Wiener Stadthalle – ich dachte mir damals nur: “Das kann doch nicht sein, das kann man doch nicht einfach machen!”

An besagtem Tag hatten wir zwei Stunden Zeit und schafften es sechzig Stück zu retten, der Rest wurde zu meinem Leidwesen vor meinen Augen eingestampft. Vier LKWs haben wir jedoch vollgeräumt und abtransportiert. 

Wenn man sich überlegt, dass ein Rainer Garderobenständer ein paar Monate später 4500 Pfund bei Sotheby’s in London eingebracht hat, dann kann man es kaum fassen.

Die internationale Presse war damals schockiert und hat sich gefragt “Was macht Österreich mit seinen Kulturgütern nach dem Jugendstil!”. Das muss man sich vorstellen –  eine Nation, die Jugendstil und Biedermeier erfunden hat, geht so mit ihrem kulturellen Erbe um. 

Aber was bedeutet nun die Bezeichnung “Garderobe” überhaupt? Der Begriff kommt aus dem Französischen, wobei garder bewachen auf Deutsch übersetzt heißt und robe Kleidung, ergo bewachte Kleidung. 

Was uns zu den Damen bringt, die jene Kleidung bewacht haben. Schon Ephraim Kishon, der berühmte israelische Satiriker ungarischer Herkunft hat über die Wiener Garderobieren oder “Garderobenhexen” geschrieben, die auf den nichtsahnenden Besucher losstürmten um den Mantel zu entreißen.

Als nächstes Objekt mit Geschichte präsentierte ich einen noch unrestaurierten Kleiderständer aus den Steinhofgründen um 1910 von Josef Hoffmann (nicht verpassen, im MAK gibt es gerade eine sehr interessante Übersichtsausstellung zu besichtigen). Wenn dieser dann auf shabby chic hergerichtet ist, wird er um die 4000 Euro wert sein. 

Ich versuche immer mein Umfeld zu motivieren rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn es um die potenzielle Rettung österreichischer Kulturgüter geht, einfach um eine gewisse Wertschätzung und “Awareness” für diese Stücke wiederzubeleben. In dem Fall war es eine Projektleiterin, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass etwas Neues dort entsteht – die Gesiba und die Soros Universität sollen dort einziehen – und hat mich dazu animiert diese Kleiderständer vor einem unrühmlichen Schicksal zu bewahren.

Das nächste Objekt war ein gutes altes Kaffeehausstück von Thonet, ein Eckkleiderständer, kein Wandkleiderständer – der dort Verwendung findet, wo wenig Platz ist, in einem kleinen Kaffeehaus. Birgit hat mich dann gefragt, wie man eigentlich ein echtes Stück erkennt. In dem Fall erkennt man ein echtes Stück am Bugholz, also nicht schichtverleimt, an der Linsenkopfschraube (und eben keine Kreuzschlitzschraube). Man merkt es, wenn man mit den Händen drüber fährt – und natürlich gibt die Etikette „Thonet“ den Ursprung preis und gilt als Qualitätszertifikat.

Der aus dem Historismus stammende gußeiserne Kleiderständer (wie im Cafe Sperl, nur dort sind sie schwarz) war einer meiner Lieblingsmodelle, weil es das wunderbare alte Wien repräsentiert. Diese Kleiderständer werden immer wieder neu aufgelegt, immer noch von der selben Firma und sind demnach keine Fälschungen. 

Dieses Stück, wie es da stand, wäre um die 1000 bis 1200 Euro wert.

Das “Monster” wie es Birgit mit einem Schmunzeln auf den Lippen nannte, welches sie an ein Filmset vom Mundl Sackbauer erinnerte war ein praktisch zusammenklappbarer 1970er Jahre Kleiderständer aus hellem Kunststoff. Diesen konnte man auf klein zusammenklappen  – selbst den Schirmständer.

Von der Wertigkeit her liegt dieser bei günstigen 400 Euro, in der typischen knallorangen 70er Pop Art Version steigt der Wert auf 600 bis 700. Was für ein Zeitkolorit!

Einige Zeit lang werden wir ja noch Mäntel brauchen, ergo bleibt die Garderobe integraler Bestandteil unseres (gesellschaftlichen) Lebens und auch in den warmen Monaten hält sie gerne Taschen, Hüte und Westen.

Dank an Paul den Kunstsammler!