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Studio 2 – Experte Christof Stein spricht über: Möbel und Objekte mit Geschichte – Garderoben

Montag, 31.1.2022, ab 17:30 Uhr, Studio2//ORF

Thema diesmal: Garderoben

Wenn man wo hereinspaziert findet man meist eine Garderobe, sei es ein Lokal, eine Kulturinstitution oder der Vorraum einer Wohnung. Dies gewährt einen ersten Eindruck was man vorfinden wird. 

“Ist sich gerade noch ausgegangen!” – mit diesen Worten habe ich meinen Mantel auf dem Wiener Konzerthaus Garderobenständer aufgehängt und Birgit Fenderl begrüsst.

Die Garderobenständer wurden, als das Haus renoviert werden musste, nicht alle wieder verbaut und kamen somit auf den Vintage Design Markt (oder auch Altwarenmarkt). Entworfen wurde diese spezielle Garderobe von Helmer & Fellerer, dem genialen Opern- und Theaterarchitektenbüro.

Screenshot meiner Pünktlichkeit dank NORMALZEIT!

Ein weiteres Prachtstück, oder Möbel mit Geschichte, war der Garderobenständer aus der Wiener Stadthalle von dem legendären österreichischen Architekten Roland Rainer. Damals 2002 wurde mir auf einem Fest zugetragen, dass diese wunderbaren Zeitzeugen und Kulturstücke zwei Tage später verschrottet werden sollten – und dies zum Kilopreis des Eisenhändlers. Die Rainer Garderobenständer aus 1956 aus der Wiener Stadthalle – ich dachte mir damals nur: “Das kann doch nicht sein, das kann man doch nicht einfach machen!”

An besagtem Tag hatten wir zwei Stunden Zeit und schafften es sechzig Stück zu retten, der Rest wurde zu meinem Leidwesen vor meinen Augen eingestampft. Vier LKWs haben wir jedoch vollgeräumt und abtransportiert. 

Wenn man sich überlegt, dass ein Rainer Garderobenständer ein paar Monate später 4500 Pfund bei Sotheby’s in London eingebracht hat, dann kann man es kaum fassen.

Die internationale Presse war damals schockiert und hat sich gefragt “Was macht Österreich mit seinen Kulturgütern nach dem Jugendstil!”. Das muss man sich vorstellen –  eine Nation, die Jugendstil und Biedermeier erfunden hat, geht so mit ihrem kulturellen Erbe um. 

Aber was bedeutet nun die Bezeichnung “Garderobe” überhaupt? Der Begriff kommt aus dem Französischen, wobei garder bewachen auf Deutsch übersetzt heißt und robe Kleidung, ergo bewachte Kleidung. 

Was uns zu den Damen bringt, die jene Kleidung bewacht haben. Schon Ephraim Kishon, der berühmte israelische Satiriker ungarischer Herkunft hat über die Wiener Garderobieren oder “Garderobenhexen” geschrieben, die auf den nichtsahnenden Besucher losstürmten um den Mantel zu entreißen.

Als nächstes Objekt mit Geschichte präsentierte ich einen noch unrestaurierten Kleiderständer aus den Steinhofgründen um 1910 von Josef Hoffmann (nicht verpassen, im MAK gibt es gerade eine sehr interessante Übersichtsausstellung zu besichtigen). Wenn dieser dann auf shabby chic hergerichtet ist, wird er um die 4000 Euro wert sein. 

Ich versuche immer mein Umfeld zu motivieren rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn es um die potenzielle Rettung österreichischer Kulturgüter geht, einfach um eine gewisse Wertschätzung und “Awareness” für diese Stücke wiederzubeleben. In dem Fall war es eine Projektleiterin, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass etwas Neues dort entsteht – die Gesiba und die Soros Universität sollen dort einziehen – und hat mich dazu animiert diese Kleiderständer vor einem unrühmlichen Schicksal zu bewahren.

Das nächste Objekt war ein gutes altes Kaffeehausstück von Thonet, ein Eckkleiderständer, kein Wandkleiderständer – der dort Verwendung findet, wo wenig Platz ist, in einem kleinen Kaffeehaus. Birgit hat mich dann gefragt, wie man eigentlich ein echtes Stück erkennt. In dem Fall erkennt man ein echtes Stück am Bugholz, also nicht schichtverleimt, an der Linsenkopfschraube (und eben keine Kreuzschlitzschraube). Man merkt es, wenn man mit den Händen drüber fährt – und natürlich gibt die Etikette „Thonet“ den Ursprung preis und gilt als Qualitätszertifikat.

Der aus dem Historismus stammende gußeiserne Kleiderständer (wie im Cafe Sperl, nur dort sind sie schwarz) war einer meiner Lieblingsmodelle, weil es das wunderbare alte Wien repräsentiert. Diese Kleiderständer werden immer wieder neu aufgelegt, immer noch von der selben Firma und sind demnach keine Fälschungen. 

Dieses Stück, wie es da stand, wäre um die 1000 bis 1200 Euro wert.

Das “Monster” wie es Birgit mit einem Schmunzeln auf den Lippen nannte, welches sie an ein Filmset vom Mundl Sackbauer erinnerte war ein praktisch zusammenklappbarer 1970er Jahre Kleiderständer aus hellem Kunststoff. Diesen konnte man auf klein zusammenklappen  – selbst den Schirmständer.

Von der Wertigkeit her liegt dieser bei günstigen 400 Euro, in der typischen knallorangen 70er Pop Art Version steigt der Wert auf 600 bis 700. Was für ein Zeitkolorit!

Einige Zeit lang werden wir ja noch Mäntel brauchen, ergo bleibt die Garderobe integraler Bestandteil unseres (gesellschaftlichen) Lebens und auch in den warmen Monaten hält sie gerne Taschen, Hüte und Westen.

Dank an Paul den Kunstsammler!

Studio 2 – Experte Christof Stein spricht über: Der Satztisch

Montag, 29.3.2021, ab 17:30, 

Studio2//ORF

Thema diesmal: Aus eins mach vier – der Satztisch.

Der Satztisch hat schon alle Stilepochen begleitet und kaum ein Designer hat sich von der Faszination des platzsparenden Tisches (wenn nicht in Funktion) bezaubern lassen.

Woher kommt der Name – man munkelt, dass er über die Seidenstrasse von China nach Europa ging – und auch Halt in England machte, wo man ihn  “set of tea tables” nannte, ergo der Satztisch. Dort haben dann die Ladies den 5 o’clock Tea auf den Satztischen kredenzt und sich über ihre Befindlichkeiten ausgetauscht. 

In die Wiener Kaffeehäuser hat diese Stilrevolution dann auch Einzug gehalten. Der Kellner hat dann der Bridge oder Tarock spielenden Gesellschaft die Satztische an die Kanten des Spieltischesgestellt, um dort die Getränke platzieren zu können. 

Kaiserin Maria Theresia legte ihre Patiencen auf, Ludwig XIV verwahrte seine Duftwässerchen darauf und man munkelt, dass Joseph Haydn seine Notenblätter darauf trocknen ließ .

Die verwendeten Materialien sind vielfältig: von Bugholz zu edlen Hölzern, von Bakelit zu Plexiglas, von Kunstoff zu Stahlrohr.

Bis zum heutigen Tag befassen sich Produzenten/Designer damit.

Folgendes hatte ich mitgebracht: ein Stilmöbel im nachgemachten Barock (Wert ca. 150 Euro), den berühmten, musealen Josef Hoffmann Satztisch zum Hoffmann Jahr (klassischer Wiener puristischer Jugendstil, Wert circa 4000-6000 Euro), ein schlichtes 1930er Bauhaus Set in Nussholz und Marmorglas (gemacht für die Werkbundsiedlung/Plan Josef Frank https://www.werkbundsiedlung-wien.at/) und einen chinesischen Lacktisch Satz aus den 1920/30er Jahren mit japanischem Motiv (Wert circa 700 Euro).

Im Dezember 2021 gibt es übrigens eine Hoffmann Ausstellung im MAK anlässlich des Hoffmann Jahres 2020 (durch die Coronakrise hat sich diese verschoben), nähere Informationen: https://www.mak.at/programm/ausstellungen/josef_hoffmann_fortschritt_durch_schoenheit

Junge Leute haben heute vielleicht keine Esstisch mehr aus Platzgründen aber dafür einen Satztisch, der bei Besuch dann auf 4 Tische ausgedehnt wird. Es ist ein Möbel das total im Kommen ist – sowohl Vintage als auch neues Design. 

Motto: Jedem/jeder seinen/ihren Tisch in der Familie!


PANHANS Original Jugendstil Schriftzug – Die Rettungsaktion

Eine kurze Einführung…

Das Traditionshotel PANHANS am Semmering in Niederösterreich wurde 1888 von dem gelernten Koch Vinzenz Panhans eröffnet. Als eines der größten Grand Hotels Europas ging es nach dem Ausbau durch die Wiener Architekten Helmer und Fellerer auf vierhundert Zimmer im Jahr 1913 nicht nur in die österreichische Geschichte ein, sondern erlangte auch internationale Berühmtheit.

Das Ende der Monarchie 1918 brachte leider auch ein Ende für den Hotspot Semmering und somit auch für das Grand Hotel Panhans. In den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam unter dem estnischen Besitzer William D. Zimdin das beliebte Alpenstrandbad Simmering von den Architekten Liebe und Stigler dazu. Die Konstruktion des alpinen Lidos war aus Holz und Glas, mit nach Süden gerichteter Glasfront und trug zu einer erweiterten Attraktivität der Region bei. Leider wurde das seit den 1960er Jahren nicht mehr benutze Hallenbad in den Revitalisierungsplänen der späten 1970er Jahren durch Adalbert Kallinger nicht berücksichtigt. Zu den berühmtesten Gästen zählten – unter vielen anderen – Kaiser Franz Joseph, Oskar Kokoschka, Arthur Schnitzler und Stefan Zweig. Später fanden sich auch Größen der Filmwelt ein.

 

Wie kam es zur PANHANS Originalschriftzug Rettungsaktion?

 

In weitestem Sinne hat die Panhans Rettung mit der Klimakrise zu tun. Ich war mit meiner Familie in den Energieferien 2020 eigentlich auf Skiurlaub am Semmering. Die frühlingshaften Temperaturen durchkreuzten allerdings diesen Plan, und wir beschlossen spazieren zu gehen. Durch eine schicksalhafte Begebenheit sind wir dann über den Originalschriftzug, der hinter dem Hotel Panhans „geparkt“ war gestolpert. Abmontiert und Wind und Wetter ausgesetzt standen diese wunderbaren Buchstaben da. Durch Kontaktaufnahme mit dem Hausmeister und dem aktuellen Besitzer gelang es mir, den Schriftzug käuflich zu erwerben und somit diesen Teil der österreichischen Zeitgeschichte vor dem Vergessen zu retten. Zu meiner Verwunderung standen die Buchstaben dieses österreichischen Traditionsunternehmens nicht unter Denkmalschutz. Der ursprüngliche Schriftzug war sogar vom Flugzeug aus zu sehen. Dies wird auch weiterhin der Fall sein, nur ist es nun ein moderner Schriftzug, der am Dach des Hotels montiert ist. Die beleuchtbaren, aus Blech geformten Buchstaben mit einem Größenmaß von ungefähr zweieinhalb Meter Höhe sind an einem herrlichen sonnigen Tag aus der schmelzenden Schneelandschaft am Semmering in die Werkstatt in Wien gewandert

Der österreichische Rundfunk (ORF) war bei der Rettungsaktion live dabei, natürlich unter Einbindung des ehemaligen Besitzers des Schriftzuges (sprich dem derzeitigen Besitzer des Hotel Panhans). Übertragen wurde dies noch am selben Tag in der Sendung „Studio2“.

 

Was bedeutet diese Rettung für Österreich?

 

Das Panhans zählt zu den wenigen geschichtsträchtigen Grand Hotels Österreichs. Wie bereits erwähnt war es einmal eines der größten Hotels Europas mit seinen vierhundert Zimmern und dem wunderbaren Hallenbad. Der Schriftzug spiegelt die Epoche des Jugendstils wider. Ein absolut spannendes Objekt für jeden Typographiebegeisterten und Sammler.

 

Wie geht es nun weiter?

 

Ich arbeite schon fleißig mit einigen Partnern an Präsentationsmöglichkeiten – Ideen gäbe es genug! Der rechtmäßige Platz des Originalschriftzuges wäre wohl im niederösterreichischen Landesmuseum – am Besten im Garten oder am Vorplatz.

Im Moment wird die Grundsubstanz der Buchstaben fixiert und entrostet. Durch die Restaurierung erhalten sie dann wieder ihre Originalfarbe.

 

Welche Geschichten erzählt der Panhans Schriftzug?

 

Der Entwurf stammt aus einer Zeit als Wien und die Lieblingsplätze der Wiener Gesellschaft außerhalb Wiens sich mit Paris kulturelle Matches lieferten. Ein Großteil der zeitgenössischen Meinungsträger war in Zeiten der Monarchie auf Sommerfrische im Panhans. Aber auch später, nach zahlreichen Besitzerwechseln kamen die Berühmtheiten weiterhin zum legendären Grand Hotel am Semmering. Allein schon die Anreise mit dem Zug auf der heute zum UNESCO Weltkulturerbe zählenden Strecke, war sagenumwoben schön und ein großer Anreiz für viele.

Josefine Baker hat dort den ersten Schnee gesehen, Erzherzog Karl Franz Josef – der letzte österreichische Kaiser – hat 1908 dort Skifahren gelernt. Heinz Rühmann hat seine Hochzeitsnacht im Panhans verbracht. Peter Altenberg, Adolf Loos, Gerd Hauptmann, Karl Kraus und viele andere hatten dort ihre kreativen Sternstunden.

 

Das legendäre Panhans Hallenbad
Quelle: https://semmering.com/page/geschichte-grand-hotel-panhans
Poster aus den 1920er Jahren
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Hotel_Panhans
Der Spaziergang – Die Entdeckung
Elisabeth Gottfried und der Panhans Original Schriftzug
Semmering, Februar 2020
(c) Christof Stein
Christof Stein und Studio 2/ORF Moderator Rupert Kluger
Semmering Februar 2020
(c) Christof Stein