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Studio 2 – Experte Christof Stein spricht über: Objekte mit Geschichte – Taschenrechner

Montag, 07.02.2022, ab 17:30 Uhr, Studio2//ORF

Thema diesmal: Historische Taschenrechner

Für die Matura ist Mathe immer ein großes Thema, egal ob mündlich oder nicht, und ohne Rechner geht es nicht. Auch wenn uns damals in der Schule immer erzählt wurde, dass wir das alles auch so können müssen, da wir im späteren Leben die Rechner doch nie bei uns tragen würden. Was für eine infame Lüge! Heutzutage haben wir alle Rechner auf unseren Smartphones.

Kurz vor Beginn der Maturaprüfungen wollte ich nun in meinem Sendungsbeitrag auf Studio2 als Experte für Altes und Schönes mich dem technischen Beginn, ja der Revolution, die der Taschenrechner ausgelöst hat, widmen.

Beleuchtet habe ich technische, patentierte aber auch „missing links“ der neuen Ära, die auch wieder Sammler:innen auf den Plan rufen und auch Designer:innen inspiriert haben.

Wieder gilt: je seltener desto gesuchter!

Und ein Kuriosum des historischen Gender Marketings: wer wusste denn, dass es Taschenrechner getrennt sowohl für Männer als auch für Frauen gab und noch seltener für die Hausfrau, die sich beim Einkaufen anhand des Handbuchs gleich das Gewicht der Portionen ausrechnen konnte?

Ob heutzutage ein Rechner speziell für die Hausfrau entwickelt ein NO GO wäre? Wahrscheinlich… Gender Marketing Produkte wie Rechner für den „Sir“, in elegantem Schwarz und für die „Lady“ in einer Gold und Rot Kombination wären aber sicher auch heute noch vermarktbar. Hat aber natürlich alles eine Geschichte, Objekte mit Geschichte sozusagen…

Heute war mein Verbal Sparring Partner Martin Ferdiny und dieser meinte gleich zu Beginn der Sendung, dass das Leben an sich ja unberechenbar wäre, allerdings versuche der Homo Sapiens trotzdem es in all seinen Facetten zu berechnen. 

Aber nun widmen wir uns ganz seriös der Geschichte der Rechner, beziehungsweise Taschenrechner, ein kurzer Abriss:

Bereits vor der Einführung der elektronischen Taschenrechner gab es einen Bedarf nach tragbaren Rechenhilfen, den sogenannten Vier-Spezies-Maschinen – also Rechenmaschinen, die Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division beherrschten.

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts verbreitete sich die mechanische Rechenmaschine in Europa. Wie in der Sendung heute auch erwähnt, gab es die erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1623 in einem Brief von Wilhelm Schickard an Johannes Kepler. 

Nachdem ab 1830 die Gesetzmäßigkeiten der Elektrizität bekannt waren und ihre breite Anwendung begann, kamen elektromechanische Rechenmaschinen auf. Bei diesen wurden die Kurbeln und Hebel durch einen Elektromotor ersetzt, was mit einer deutlichen Zeitersparnis bei der Bedienung einherging.

Vorläufer elektronischen Taschenrechner war der elektronische Tischrechner.

Die niederländische Firma Philips in Eindhoven entwickelte & baute Anfang der 1960er Jahre drei elektronische Tischrechner, die allerdings nie in Serie gingen. 1962 kam mit der ANITA von Norman Kitz die erste elektronische Tischrechenmaschine auf den Markt. Sie beherrschte die vier Grundrechenarten und kostete so viel wie ein VW Käfer. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen….

Der erste elektronische, handflächengroße Taschenrechner wurde 1967 von Texas Instruments auf den Markt gebracht.  Ein 1,5 kg schwerer Prototyp dieses ersten Taschenrechners ist heute im Smithsonian Institution ausgestellt – schon mit Batterien! Grandios, denn frühere Rechner benötigten noch einen Stromanschluss.

Ein Highlight in der Sendung: Der 1972 entwickelte HP-35 von Hewlett-Packard: nicht nur war es der erste technisch-wissenschaftliche Taschenrechner mit trigonometrischen, logarithmischen und Exponentialrechnungs-Funktionen und läutete somit das Ende der damals noch weit verbreiteten Rechenschieber ein, sondern der Entwickler war kein Geringerer als  Steve Wozniak, Mitbegründer von Apple. Er war einer der Computer-Ingenieure, der die Entwicklung des Personal Computer maßgeblich beeinflusste. Geschichte kann so greifbar sein. Objekte mit Geschichte veranschaulichen die Errungenschaften der Menschheit und sind wegweisend für die Zukunft, wenn man sich nur genau genug damit beschäftigt. 

Folgende historische Taschenrechner hatte ich mit:

Der Sharp EL-808  aus 1973 war einer der ersten mit LC-Display und konnte acht Stellen anzeigen. Er hatte einen inverse LC Display, das nur dann gut ablesbar ist, wenn das Licht im richtigen Winkel eintrifft. Eine wahre Schönheit und um die 100 Euro wert.

Der Olympia CD 80 auch aus 1973.  Space Age Design aus Japan vom Feinsten! 

Der Canon Pocketronic aus 1970 hatte einen Thermodrucker. Leider war er schon für damalige Verhältnisse sehr schwer. Dieses Stück hat musealen Charakter und das teuerste Stück (Wertigkeit liegt bei circa 100o Euro), das ich in der Sendung mithatte!

Der Sovereign von Sinclair, made in Britain, ist aus 1976 und einfach ein wahres Designerstück, sieht fast wie eine Fernbedienung von Bang & Olufsen aus und ist einhändig zu bedienen.mit einer Wertigkeit von 150 Euro.

Den berühmten HP 35 hatte ich schon oben ausgiebig beschrieben.

Aber noch eine ganz wichtige Geschichte, die ich auch in der Sendung erwähnen konnte: Dieses Taschenrechnermodell war 1973 an Bord von Skylab. Skylab war die erste und einzige nur US-amerikanische Weltraumstation.

Der Calcu-pen, der Martin und mich und sicher auch viele Zuschauer:innen an James Bond erinnerte, war aus 1975-1977 und hätte definitv auf einer Bond Mission dabei sein können, da auch voll funktionstüchtig mit einem Wert von 150 Euro.  Q hätte ihn ähnlich liebevoll vorgestellt wie ich.

 Die beiden eingangs erwähnten Gender Marketing Rechner “Lady” und “Sir” von Triumph-Adler sind aus 1975 und um die 20 Euro wert je. Der Verkaufserfolg und damit die Auflage war gigantisch.

Die Haushaltshilfe oder auch Texas Instruments TI-1260 genannte Taschenrechner, limitiert auf 20.000 Stück und circa 250 Euro wert, würde heute wohl Feminist:innen auf den Plan rufen. Denn auch der Mann von heute kann Hilfe beim Einkaufen benötigen 😉 Spaß beiseite, heute haben wir alle Rechner und Internet auf unseren Smartphones und benötigen solche Hilfeleistungen nicht mehr. 

Der stylishe Braun 4 955 700, ein Design von Dieter Rams und Dietrich Lubs aus 1976 zeigt sich in einem wunderbar designten Hartschalen Etui und käme auf 50 Euro.

Und zu guter Letzt machte der Santron Biolator aus den 1970ern einen Auftritt in der Studio2 Sendung. Dieser hätte wohl Auskünfte über den Biorhythmus und das Wohlbefinden des bedienenden Menschen geben sollen. Angeblich ging er weg “wie die warmen Semmel”. Heute ist leider nur die Taschenrechnerfunktion erhalten.

An dieser Stelle vielen Dank an den Leihgeber Erwin Macho, Dorotheum Experte für historische Unterhaltungstechnik.

Studio 2 – Experte Christof Stein spricht über: Möbel und Objekte mit Geschichte – Garderoben

Montag, 31.1.2022, ab 17:30 Uhr, Studio2//ORF

Thema diesmal: Garderoben

Wenn man wo hereinspaziert findet man meist eine Garderobe, sei es ein Lokal, eine Kulturinstitution oder der Vorraum einer Wohnung. Dies gewährt einen ersten Eindruck was man vorfinden wird. 

“Ist sich gerade noch ausgegangen!” – mit diesen Worten habe ich meinen Mantel auf dem Wiener Konzerthaus Garderobenständer aufgehängt und Birgit Fenderl begrüsst.

Die Garderobenständer wurden, als das Haus renoviert werden musste, nicht alle wieder verbaut und kamen somit auf den Vintage Design Markt (oder auch Altwarenmarkt). Entworfen wurde diese spezielle Garderobe von Helmer & Fellerer, dem genialen Opern- und Theaterarchitektenbüro.

Screenshot meiner Pünktlichkeit dank NORMALZEIT!

Ein weiteres Prachtstück, oder Möbel mit Geschichte, war der Garderobenständer aus der Wiener Stadthalle von dem legendären österreichischen Architekten Roland Rainer. Damals 2002 wurde mir auf einem Fest zugetragen, dass diese wunderbaren Zeitzeugen und Kulturstücke zwei Tage später verschrottet werden sollten – und dies zum Kilopreis des Eisenhändlers. Die Rainer Garderobenständer aus 1956 aus der Wiener Stadthalle – ich dachte mir damals nur: “Das kann doch nicht sein, das kann man doch nicht einfach machen!”

An besagtem Tag hatten wir zwei Stunden Zeit und schafften es sechzig Stück zu retten, der Rest wurde zu meinem Leidwesen vor meinen Augen eingestampft. Vier LKWs haben wir jedoch vollgeräumt und abtransportiert. 

Wenn man sich überlegt, dass ein Rainer Garderobenständer ein paar Monate später 4500 Pfund bei Sotheby’s in London eingebracht hat, dann kann man es kaum fassen.

Die internationale Presse war damals schockiert und hat sich gefragt “Was macht Österreich mit seinen Kulturgütern nach dem Jugendstil!”. Das muss man sich vorstellen –  eine Nation, die Jugendstil und Biedermeier erfunden hat, geht so mit ihrem kulturellen Erbe um. 

Aber was bedeutet nun die Bezeichnung “Garderobe” überhaupt? Der Begriff kommt aus dem Französischen, wobei garder bewachen auf Deutsch übersetzt heißt und robe Kleidung, ergo bewachte Kleidung. 

Was uns zu den Damen bringt, die jene Kleidung bewacht haben. Schon Ephraim Kishon, der berühmte israelische Satiriker ungarischer Herkunft hat über die Wiener Garderobieren oder “Garderobenhexen” geschrieben, die auf den nichtsahnenden Besucher losstürmten um den Mantel zu entreißen.

Als nächstes Objekt mit Geschichte präsentierte ich einen noch unrestaurierten Kleiderständer aus den Steinhofgründen um 1910 von Josef Hoffmann (nicht verpassen, im MAK gibt es gerade eine sehr interessante Übersichtsausstellung zu besichtigen). Wenn dieser dann auf shabby chic hergerichtet ist, wird er um die 4000 Euro wert sein. 

Ich versuche immer mein Umfeld zu motivieren rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn es um die potenzielle Rettung österreichischer Kulturgüter geht, einfach um eine gewisse Wertschätzung und “Awareness” für diese Stücke wiederzubeleben. In dem Fall war es eine Projektleiterin, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass etwas Neues dort entsteht – die Gesiba und die Soros Universität sollen dort einziehen – und hat mich dazu animiert diese Kleiderständer vor einem unrühmlichen Schicksal zu bewahren.

Das nächste Objekt war ein gutes altes Kaffeehausstück von Thonet, ein Eckkleiderständer, kein Wandkleiderständer – der dort Verwendung findet, wo wenig Platz ist, in einem kleinen Kaffeehaus. Birgit hat mich dann gefragt, wie man eigentlich ein echtes Stück erkennt. In dem Fall erkennt man ein echtes Stück am Bugholz, also nicht schichtverleimt, an der Linsenkopfschraube (und eben keine Kreuzschlitzschraube). Man merkt es, wenn man mit den Händen drüber fährt – und natürlich gibt die Etikette „Thonet“ den Ursprung preis und gilt als Qualitätszertifikat.

Der aus dem Historismus stammende gußeiserne Kleiderständer (wie im Cafe Sperl, nur dort sind sie schwarz) war einer meiner Lieblingsmodelle, weil es das wunderbare alte Wien repräsentiert. Diese Kleiderständer werden immer wieder neu aufgelegt, immer noch von der selben Firma und sind demnach keine Fälschungen. 

Dieses Stück, wie es da stand, wäre um die 1000 bis 1200 Euro wert.

Das “Monster” wie es Birgit mit einem Schmunzeln auf den Lippen nannte, welches sie an ein Filmset vom Mundl Sackbauer erinnerte war ein praktisch zusammenklappbarer 1970er Jahre Kleiderständer aus hellem Kunststoff. Diesen konnte man auf klein zusammenklappen  – selbst den Schirmständer.

Von der Wertigkeit her liegt dieser bei günstigen 400 Euro, in der typischen knallorangen 70er Pop Art Version steigt der Wert auf 600 bis 700. Was für ein Zeitkolorit!

Einige Zeit lang werden wir ja noch Mäntel brauchen, ergo bleibt die Garderobe integraler Bestandteil unseres (gesellschaftlichen) Lebens und auch in den warmen Monaten hält sie gerne Taschen, Hüte und Westen.

Dank an Paul den Kunstsammler!